Benutzer in sozialen Netzwerken pflegen liebevoll ihre Profile, tauschen an der digitalen Eingangstür ihre Gefühlswelt gegen ein Profilbild und ein „Like“: einst waren Profile dazu da, um nach kriminellen Straftätern zu fahnden. Heute strebt jeder nach positiver Resonanz, d.h. nach einer Währung, mit der (fast) alle bestechlich sind.
Mit dem Aufkommen der sozialen Netzwerke wurden persönliche Identitäten anfangs eher spielerisch dokumentiert.“
„?“
„Noch 1987 demonstrierten in Deutschland Millionen gegen eine Volkszählung.“
„Richtig, gegen Fragen, von denen heutzutage Nutzer ein Vielfaches mehr und sogar noch freiwillig beantworten.“
„Mit der ungewissen Hoffnung, gesehen oder gehört zu werden.“
„Wenn auch nur für einen kurzen Augenblick.“
„Wahllos übertragen in alle Welt an Millionen von wahllosen Beobachtern.“
Innerhalb weniger Jahre hat sich der Umgang mit persönlichen Daten fundamental gewandelt: mit neu entstandener Netzmentalität werden Profile nicht mehr als privat gesehen, sondern wie ein Orden der Transparenz vor sich her getragen. Zum Kampf um Privatheit gesellt sich die Angst, nicht bemerkt oder falsch gesehen zu werden. Wie unter einem Diktat der Offenheit befinden sich Internet-Nutzer in einem andauernden Prozess des „Transparenzwerdens“: jeder Schritt und jedes Erlebnis werden sogleich ins Netz gestellt, Nicht-Kommunikation kann bereits Verdacht erregen.
„Die Macht der Algorithmen nimmt weiter zu.“
„A auch über jene, die meinen sich ihr entziehen zu können?“
„Ja, Kritik verliert in der digitalen Ökonomie zunehmend als Potenz.“
„?“
„Auch solches will man als Ressource ummünzen.“
„Angeblich um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“
„Es gibt keine Fehler mehr, sondern nur noch Verbesserungen.“
https://www.bod.de/buchshop/selektiv-joerg-becker-9783755794073